Professionalisierung des Alltags


Früher haben die Menschen, wenn die Dinge nicht so liefen, wie gedacht, eine Ziege geschlachtet und geopfert oder den Würfel entscheiden lassen, heute engagieren sie einen Coach oder kaufen sich ein Ratgeberbuch. Sie suchen professionelle Hilfe, um sich individuell professionell zu reorganisieren. Ich bin mir nicht sicher, welches Handlungsmuster rationaler ist. Trotzdem würde ich würfeln.

Mein Arbeitskollegin Isa meint:

"Du solltest wirklich versuchen an Deiner subjektiven Einstellung zu arbeiten, dafür gibt es auch richtig gute Ratgeber, wie du dich selbst besser aufstellen kannst. Du könntest soviel aus dir machen. Nur dein Habitus hindert dich daran. Du schöpfst dein Potential gar nicht aus. Das ist so schade."


Nun will ich mich aber gar nicht ausschöpfen, ausschöpfen klingt zu sehr nach Erschöpfung.

Isas Entgegnung darauf war, dass meine Müdigkeit daran läge, dass ich unprofessionell schlafen würde:

"Menschen reichen 5,327 Stunden Schlaf am Tag, wenn sie professionell optimiert schlafen, das ist statistisch erwiesen."


Ich würde zu lange und zu unkonzentriert schlafen. Ich würde ja beim Schlafen immer an alles mögliche denken. Außerdem schlafe ich einfach dann, wenn ich müde bin und nicht im tageszeitlichen Optimalkorridor. Ein Seminar bei einem Schlafcoach wäre, nach Isa, für mich genau das richtige. Dazu habe ich aber keine Lust.

Andererseits könnte ich vielleicht, wenn ich professionell schlafen lernen würde, daraus einen Beruf machen. Ich würde dann professionell im Auftrag von Leuten schlafen, die keine Zeit zum schlafen haben und die dann nicht mehr schlafen müssten und mich dafür bezahlen würden. Da ich gerne schlafe, wäre das für alle eine WinWin-Situation. Nur Isa war von dem Konzept nicht überzeugt.

Und auch mein Duschverhalten sollte ich optimieren, das sei ebenfalls absolut unprofessionell, insbesondere unter Berücksichtigung der Ökobilanz. Als Mitglied der Bewegung der SlowduscherInnen ignoriere ich diese Kritik gleichwohl.

Und selbst die Nutzung einer Klo-Ap, mit der ich meinen Zeitverbrauch, den Verbrauch von Klopapier und Wasser mit dem meiner FreundInnen abgleichen kann, um meine WC-Nutzung zeitlich und ökologisch zu optimieren, verweigere ich. Das ist mir zu peinlich und, ja ich weiß, dass ist wieder der unprofessionelle Habitus, den Isa kritisiert hatte.

Nicht einmal einen McKinsey Kühlschrankorganisator habe ich mir gekauft.

Nach Isa bin ich deshalb Schuld an der Klimakatastrophe. Dessen ungeachtet bin ich jedoch als Kapitalismuskritikerin weiter überzeugt, dass die Produktionsverhältnisse das Problem sind.

Nur nach Isa ist natürlich auch das wieder ein unprofessioneller Habitus.

Nachts hatte ich einen Traum:

Isa hat mein Badezimmer professionalisiert. Das hatte aber zur Folge, dass sich ausgehend von der Agitation des Handtuchs, Duschgel, Schwamm, Zahnbürste, Seife, Tampons und alle anderen Badezimmerutensilien mit Ausnahme einiger Haarnadeln einer kleinen syndikalistischen Gewerkschaft angeschlossen haben, und in den Streik getreten sind. Sie forderten ein Nachtduschverbot und geregelte Urlaubs- und Pausenzeiten.


Ich habe mich dann mit ihnen solidarisiert. Zur Not habe ich noch Ersatzhandtücher und ein Ersatzduschgel.

Als ich das alles Tina erzählte, seufzte sie nur: "Den McKinsey Kühlschrankorganisator brauchtest Du wirklich mal."

Ich finde da übertreibt sie.


Ada - Hannover, 2018 -


Fin











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Und noch ein kurzer Text; Professionelle Professionalisierung


















Zuletzt aktualisiert 30.07.18





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Professionelle Professionalisierung

Früher professionlose nun professionelle Professionelle professionalisieren professionell unprofessionelle Professionslose in ihrer Profession bis auch diese als professionelle Professionelle unprofessionelle Professionslose professionalisieren damit auch diese eine professionelle Profession ihr eigen nennen können.

Nicht nur meiner Nachbarin ist das in ihrer Unprofessionalität einfach zu viel Professionalität.