Warum ich Terroristin geworden bin



Fotos bilden im Regelfall nicht die Realität ab.

Nimm z.B. das Foto auf dem Deine Freundin mit einer Anderen Sexualverkehr hat. Bist Du Dir sicher, daß sie überhaupt dort anwesend war. Vielleicht hat sie dabei an Pfannkuchen gedacht und die Andere an Guinevere Turner. Zu sagen sie hätten miteinander Sex gehabt, ist zumindest sehr gewagt und vermutlich eher falsch. Oder würdest Du sagen, es kommt primär auf den mechanischen Ablauf an?
Dann würde ich Dir einschlägiges Werkzeug aus dem Sexshop empfehlen, das ist einfacher zu bedienen und weniger störungsanfällig.
Ach, Du meinst es kommt Dir nicht primär auf die Mechanik an, dann sagt das Foto aber nichts aus.

Und wieso haben sie das überhaupt fotografiert?
Die tun doch nur so.

Oder nimm Deinen Schwager in Mallorca. Du glaubst doch nicht wirklich, daß er dort war?
Damit meine ich gar nicht die Ähnlichkeit des Fotohintergrundes mit der Bildertapete aus dem Schlafzimmer Deiner Schwester und Deines Schwagers.
Nein, aber Du weißt doch, daß er mit Sicherheit nur in Lokalen mit deutschem Essen und unter Deutschen war, vielleicht auch mal "beim Italiener".
Glaubst Du wirklich, er hat irgendwas von Mallorca gesehen?
Du weißt genau, er ist dort nie angekommen, er war dort gar nicht.

Alle wissen dies längst, das Fotos lügen, TV und Film würden sonst gar nicht funktionieren, oder glaubt Ihr Tatort ist eine Dokumentation und gestern wäre die Welt in der Eiszeit versunken?
Glaubt Ihr wirklich Fotos geben die Realität wieder?
Dann gibt es nur eine Schlußfolgerung.
Wir sind nicht real, da unsere Welt nicht in einer neuen Eiszeit untergegangen ist und Lolle in unserer Welt so tut, als ob sie eine Schauspielerin ist und sie so tut als ob alles, was da in der Fernsehserie passiert, gar nicht die Realität ist.
Dann wäre im TV die Realität zu sehen und wir irreal.

Vielleich bin ich zu phantasielos, aber ich finde es da wahrscheinlicher, daß Fotos lügen.

'Durch Lügen distanziert sich das Subjekt von der es umgebenden Objektwelt und gewinnt so Handlungsfreiheit.'
(F. Libudik - 'Das Objekt der Subjektivierung' - in: A. Merrina [H.G.] - Subjektivierungen - Franfurt a.M. 2002)

Ansich sollten ich mich also freuen über die vielen neuen FotofanatikerInnen, die mit Handys und Digicams überall und über Alles fotografische Lügen produzieren.
Jedes weitere Foto ist ein weiterer Sargnagel für das politische System. Bald werden diese Fotos ein undurchdringliches Lügengestrüpp ergeben in dem Keine mehr wird sagen können, was wirklich ist.

Als Anarchistin sollte ich dies begrüßen, nur
- ich mag nicht fotografiert werden - .
Und spüre immer öfter Lust willkürlich mich fotografierende Leute aufzuschlitzen.
Bisher habe ich aber auch dies nicht getan.
Darüber würde dann auch nur ein schlechter Film für Sat 1 gedreht 'Ada, Todesengel der Schnappschußjäger' und eine Dokumentation für ARTE 'Fotomorde'.
Alle würde mich erst recht fotografieren.

Auch das T-Shirt mit Aufdruck - 'Fotografier Dich selbst Du Arsch!' - hat nur dazu geführt, daß mich noch mehr Leute fotografiert haben.
Einer lächelte mich an; "Das ist ein geiles Fotomotiv."

Sind Kameras eigentlich beleidigungsfähige Rechtssubjekte, falls ich ihnen einen Stinkefinger zeige?

Jedenfalls habe ich mich jetzt vor einer Woche einer terroristischen Zelle angeschlossen. Eine Gruppe, die mit einer riesigen EMP-Bombe alle Microchips auf der Welt vernichten will.

Ich sehe einfach keine andere Lösung mehr.

Das habt Ihr nun davon.


Ada


Fin











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Und noch ein kurzer Text; Fotos

























Zuletzt aktualisiert 30.05.10



Fotos. Ein Text über Fotografieren, Fotos, Handys, Digicams und einen guten Grund für Terrorismus - zu den Themen: Fotografieren, Fotos, Handys, Digicam, Terrorismus, Teroristin, Mobiltelefon, Photos, Photografieren, Fotoapparat, Realitär, irreal, virtuell, Wahrheit, Bilder













Fotos

Fotografiert zu werden, im Fokus von Kameras zu stehen ist heute alltäglich. Die Auswirkungen dieses Fotowahns sind nicht bestimmt dadurch, daß überall Fotos gemacht werden, sondern in der Bedeutung, die diesen Fotos zugewiesen wird.

Spätestens seit der Moderne, also dem Aufkommen der modernen Malerei Ende des 19ten Jahrhunderts / Anfang des 20ten Jahrhunderts ist bekannt, daß Fotos nicht die Realität wiedergeben, sondern eine oberflächliche Simulation von Realität, jedenfalls gilt dies für Fotos, die nicht künstlerisch bearbeitet wurden. Das heißt Fotos verbreiten in der Regel Falschaussagen.
Diese Falschaussagen sind politisch reaktionär strukturiert. Deshalb wurde die 'realistische' Fotografie im Nationalsozialismus gefördert, während die moderne Kunst und FotokünstlerInnen verbrannt, verfolgt und ins Exil getrieben wurden. Der reaktionäre Kern der 'realistischen' Fotografie liegt darin, daß sie das Klischee dupliziert ohne es zu dekonstruieren, vergleichbar den vom Nationalsozialismus gefeierten Ausläufern der Neuen Sachlichkeit (z.B. Adolf Wissel, der als Maler seine ländliche Umgebung im Stil der Neuen Sachlichkeit porträtierte und dabei die klischierte Selbstdarstellung der Menschen unkritisch verdoppelte).
Menschen spielen alltäglich Rollen, um die Realität zu erfassen ist es notwendig hinter diese Rollen zu schauen. Z.B. der Expressionismus tut dies. Im Alltag geschieht dies in der Interaktion, z.B. der vergeschlechtlichenden Interaktion, die permanent Geschlecht dekonstruiert nd rekonstruiert. Diese Prozesse entschwinden aber in der Regel dem Blick der Kamera, auf Fotos und in Überwachungsfilmen wird dies unsichtbar. Die entscheidenden Prozesse, die also das alltägliche Handeln der Subjekte ausmachen, werden in der Regel durch Film und Foto nicht erfaßt (es sei den in künstlerischen Dokumentarfilmen).

Das Problem des Fotowahns ist, daß dieses Grundmoment der Fotografie, daß Fotos in der Regel ein Klischee, eine Falschaussage, wiedergeben, bis heute nicht begriffen ist. Die meisten HandykameranutzerInnen tradieren die Fotoästhetik des Kaysertums und des Nationalsozialismus und damit auch Teile der menschenverachtenden Ästhetik dieser Zeit, sie glauben naiv totalitär mit ihren Fotos Realität abzubilden.

Das Problem des Fotowahns ist nicht auf das Überwachungsproblem zu beschränken, wie es Jamais Cascio faßt - The Rise of the Participatory Panopticon -. Wichtiger ist die Frage, was ist für uns Realität, daß was wir fühlen und wahrnehmen, oder, daß was der Fotoapparat reduktionistisch reduziert aus dieser Realität macht.
Ein Verbot oder Zensur sind nicht sinnvoll.
Eine Form diesen Foto'realitäts'wahn zu unterlaufen, eine Form von Widerstand, kann aber darin liegen möglichst viele wahre 'Fälschungen', produzierte und überarbeitete Fotografien und Filme in Umlauf zu bringen. Oder die Kameras direkt zum Spiel zu nutzen, z.B. für verdecktes Theater vor Überwachungskameras ohne dies aufzulösen, nur mit verschwundener Leiche.




PS: Eine besonders gewalttätige Variante des Fotowahns sind dabei die Versuche Menschen ihrer individuellen Geschichte zu berauben. In dem Menschen Fotos und Filme aus ihrer Kindheit vorgehalten werden mit einem - "So warst Du" -. Eine brutale Form des Versuchs der Enteignung, die nur mit einem klaren - "Das Foto lügt" - zu beantworten ist. Und, die dies nicht verstehen, laßt stehen.

PPS: Die Aussage eine Fotos wird primär von der Fotografierenden bestimmt, sie sagt insofern nichts über die Fotografierte / den Fotografierten aber viel über die Fotografin / den Fotografen aus.
Das Foto bildet vor allem die Vorurteile des Fotografen / der Fotografin ab. Der Fotograf / die Fotografin entscheidet, was sie wie und wann fotografiert. Das gilt auch für die Überwachungskamera, ihren Blickwinkel und die Intepretation der Realität durch die ÜberwacherInnen. Hier ensteht das selbe Problem, welches auch bei der Beschreibung der Wirklichkeit durch den Blickwinkel eines Polizeiprotokolls entsteht.









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