Liebeserklärung für eine Simulantin



Für F.


Luther hatte unrecht. Der biedere Protestantismus ist eine Fessel und keine Befreiung. Das Problem lag nicht in den Ausschweifungen und der Unmoral der Katholischen Kirche, das Problem war, daß nicht Allen diese zugebilligt wurden.
Wirklich fortschrittliche Forderungen, als Thesen an die Kirchentür genagelt, hätten anders lauten müssen, z.B.:

Thesen wider die Falschheit der Katholiken

1) - Religion heißt Glauben, an was muß jede/r selbst entscheiden.

2) - Die Madonnen- und Heiligenmanipulation ist ein Recht Aller.

3) - Jede/r/m muß das Recht auf die (Er)findung von Reliquien gewährt werden.

4) - Alle dürfen Erlaßbriefe schreiben und mit ihnen Handel treiben.

5) - Die Definitionsgewalt, ob eine Verzückung religiöser Natur und damit rein oder sexueller oder anderer Natur ist, liegt einzig und allein bei der/dem Verzückten und ist unabhängig von den im Zustand der Verzückung oder zur Herbeiführung dieses Zustandes betriebenen Praxen, seien sie auch sexueller oder anderer Natur.

6) - Der heilige Geist ist in uns Allen und welche Handlungen durch ihn inspiriert wurden und damit heilig sind, kann nur die/der vom heiligen Geist Besessene beurteilen, also nur jede/r für sich selbst.

7) - U. A.

Dies wären Thesen gewesen um den christlichen Glauben tatsächlich zu erneuern. Aber von einem zu kurz gekommenem Mönch waren revolutionäre Ideen nicht zu erwarten.

Auch ich habe dies erst begriffen in der Liebe zu Dir. Du hast mir dies geschenkt. Und ich habe begriffen, dass dies heute auch und gerade für die Naturwissenschaften als Religion der Moderne gilt. Ich weiß jetzt, dass wahrhaft revolutionäre Kräfte sich die Naturwissenschaften aneignen müßen, dass sie sich an der (Er)findung immer neuer Diskurse und Wahrheiten und Essentialismen beteiligen müßen, statt protestantisch gegen die Ausschweifungen wissenschaftlicher Diskurse zu agitieren.
Du hast es gesagt.
Früher war ich überzeugt, die religiösen Erweckungsbewegungen der Naturwissenschaften, z.B. die Soziobiologie, mit den Mitteln der Aufklärung bekämpfen zu müssen. Als ich Dich kennen lernte und Du die Naturwissenschaften in ihrer Funktion als Religion der Moderne nicht nur nicht kritisiertest, sondern all diese Diskurse über Gene, Imunsysteme, Künstliche Intelligenz, und Nanoimplantate übernahmst, habe ich Dich angegriffen. Ich war von Dir enttäuscht.
Nur langsam begriff ich worum es Dir ging.
Wenn Du sagtest, dass wir heute im Simulacrum leben, in der Matrix und, dass wir deshalb die Simulation selbst in die Hand nehmen müßten, daß nicht die (Er)findung genetischer Determinanten für menschliches Verhalten, nicht die Idee der Reprogrammierung unseres Gehirns, u.a., das Problem sei, wußte ich nicht, was ich denken sollte. Doch Du erklärtest mir, daß das Problem nur im kirchlichen Dogma, in der auktorialen Definitionsmacht der NaturwissenschaftlerInnen läge, und nicht in der Simulation an sich, die vielmehr eine Chance wäre. Nur müßten wir die modernen Priester und Äbtissinnen, die heute hinter naturwissenschaftlicher Scheinobjektivität ihre Ränke schmiedeten, stürzen. Wir müssen die naturwissenschaftliche Autorität schleifen, das waren Deine Worte.
Deine Aufforderung an Alle, eigene Individualessentialismen zu (er)finden, Gendeterminismen zu postulieren nach Lust und politischer Anschauung, KI-Wahrheiten und Nanowelten zu fabulieren und so die auktoriale Macht der naturwissenschaftlichen Staatskirche zu untergraben, hat mich überzeugt.

Du hast recht.

In den Reliquienschreinen der Moderne weinen zwar keine Holzmadonnen und es blutet auch keine Jesusfigur am Kreuz, aber es werden die neuen Verkündigungen der Nano- und Genwelt auf Bildschirmen simuliert. Seien es die Wissenschaftsendungen im Fernsehen, das Edutainment an Schulen, oder die Wissenschaftsparks, die zunehmend die museale Präsentation von Naturwissenschaften ablösen, sei es das Universum, das in Bremen ein paar Hundert Quadratmeter mißt, die WaterWorld oder die Zukunft, die Bertelsman auf der EXPO 2000 präsentierte, alle sind sie nur real in der Simulation.
Längst leben die Menschen in ihren Simulationen.
Das gilt auch für Dich, wie Du richtig bemerktest. Längst bewegst auch Du Dich im Simulacrum, redest Du doch wie selbstverständlich von Deinem Imunsystem, von Deinem Genom, die Du weder sehen noch anfassen kannst, die für Dich existent nur als Simulation auf dem Bildschirm sind, deren Bilder die Priester in weißen Kitteln Dir erklären, Wahrheiten die sie aus Deinen Eingeweiden oder denen von Fröschen lesen. Diese Simulacren sind Deine Realität, dann solltest Du sie auch gestalten, Simulacren lassen sich umformen.

In dieser virtuellen Realität bedeutet die Aufforderung zur Madonnenmanipulation für Alle, die Simulation mit der Simulation zu unterlaufen. Nur die Selbstsimulation ist Freiheit. SimulantInnen sind die Avantgarde der Unterminierung der Machmonopole in der Matrix.
Also denkst Du Dir nun neue Genetische Dispositionen, neue Disfunktionalitäten Deines Imunsystems, u.a. aus, und simulierst sie, bist sie.

Nur, Du kennst meine Erdenschwere, meine Lust am Schmutz und Dreck. Mein Fleisch ist amorph und ich genieße das auch noch, was soll ich da in der Virtualität. Du weißt um meine Uneindeutigkeit, meine Traumtänzerei, virtuelles Morphen finde ich lanweilig, zu träumen ist viel spannender. Ich mache mich auch nicht so schön cool im Ganzkörperlederfroms wie manche Filmfiguren. Ich weiß um meine Nichtsnutzigkeit - und habe kein schlechtes Gewissen, habe ich doch gar kein Gewissen, auch das ist mir zu virtuell, umständlicher Überbau - verlasse ich mich doch lieber auf das Fühlen meiner selbst, das Blubbern im Magen, das Strecken der Sehnen, ..
Ich brauche keine Legitimation durch Naturwissenschaft oder Christentum, unmoralische, schwitzende, sich ständig umwandelnde, Materie, die ich bin.

Wider die naturwissenschaftliche Religion.

Du siehst, ich bin unbelehrbar, auch meine revolutionäre Grundhaltung ist von meinen Lüsten bestimmt, aber deshalb liebst Du mich ja.

In Liebe


Ada


Fin











Impressum:


Und noch ein kurzer Text; Glaube
















Zuletzt aktualisiert 30.05.10



Glaube. Ein Text zur Simulation als naturwissenschaftlicher Realität, der katholischen Kirche und Donna Haraway - zu den Themen: Matrix, Simulacrum, Simulation, Baudrillard, Haraway, Cyborg, Gott, Glaube, Seele, Kirche














Glaube

Ungläubige Atheistin, die ich bin, glaube ich weder an Gott noch glaube ich an eine Seele oder die Genetik. Ich habe zumindest keine Seele und Gene deteminieren bei mir nichts. Bei den Gläubigen der Gottesreligionen und der Soziobiologie mag das ja anders sein - zeigen konnten sie mir ihre Seele oder ihre Gendeterminanten auch nicht -.

Aber wie ist das dann mit dem freien Willen, wenn Du nicht an Gott und eine Seele glaubst?

Der Unglaube ist Vorraussetzung jedes freien Denkens, das kritische Denken, außerdem ist der Glaube an die moderne extrakorporale Seele nur ein Hilfskonstrukt, das als Reaktion auf die Sicht des Menschen als Maschine erfunden wurde.
Und auch an diese Menschmaschine glaube ich nicht.

Für mich ist das Leben genau das umgekehrte der Maschine. Die Maschine hört auf zu funktionieren, wenn sie sich verändert, also der Motor sich verbiegt, rostet usw. Der Mensch und alle Lebewesen leben nur so lange, wie sich sich ändern. Leben ist der permanente kleine Tod und immer wider kleine Neuerungen. Hören die Zellen auf sich zu regenerieren stirbt der Mensch. Nur tiefgekühlte Tote ändern sich nicht. Und das Subjekt entsteht durch seine Geschichte, aus all diesen Prozessen.
Maschinen haben keine Individualgeschichte und allein schon deshalb auch kein Bewußtsein ihrer selbst.

Materie ist für mich, und dies ließe sich als Glauben bezeichnen, dadurch gekennzeichnet, daß sie permanenten Wandlungsprozessen unterliegt und substantiell uneindeutig ist, sie ist dadurch bestimmt, daß sie immer ein Stück unbestimmt ist. Der Trick der Technologie und der Naturwissenschaften besteht darin durch zeitweise Ausgrenzung der permanenten Veränderungen zeitweilig Zustände entgegen ihre Natur stabil zu halten und sie für maschinelle Zwecke so nutzbar zu machen.
Die Unbestimmtheit der Materie unterläuft jeden Determinismus.
Ich glaube also, daß Freiheit schon auf dieser basalen Ebene angelegt ist.

Im naiven Materialismus, z.B. der heutigen Biologie, ist weiterhin der naive Glaube an den Menschen als Maschine weit verbreitet.
Dies führte in der aufkommenden Moderne fast zwangsläufig zur Erfindung der extrakorporalen Seele (der Neuzeit) um den freien Willen zu retten.

Der Glaube der SoziobiologInnen ist aber noch auf anderer Ebene irratonal, da er die gesellschaftliche Entstehung des Subjektes ausblendet. Das Ich ist aber ohne Gesellschaft nicht real, unsere Identität auch die Geschlechtsidentität wird ausgebildet in Interaktion mit anderen Menschen und dauernd reproduziert und verändert. Beschrieben wird dieser Prozess zur Zeit am genauesten von der psychoanalytischen Theorie. Dieses Ich und sein Wille sind damit aber auf einer Metaebene der biologischen Realität real.
Vergleichbar ist dies der Satzbedeutungen und ihres Verhältnisses zur Materialität der Buchstaben. Zwar gibt es ohne Schrift kein Geschriebenes und doch determiniert die materielle Beschaffenheit der Buchstaben nichts. Ob ich in Sand schreibe, in Mamor ritze oder mit Tinte ändert nichts an der Bedeutung, ob dort chinesische Zeichen stehen oder lateinische, ändert nichts an der Bedeutung des Satzes. Die Bedeutung wird durch den Kontext erzeugt, der selbst von der Bedeutung mit beeinflußt wird. Die Zahl, die Form und die materielle Beschaffenheit der Buchstaben begrenzen die Möglichkeiten des Ausdrückbaren in keiner Weise und determinieren sie nicht. Die Bedeutung ist ein Effekt der Metaebene, die von allen Bedeutungen und Erfahrungen erzeugt wird und damit auch selbst durch eine neue Bedeutung grundlegend verändert werden kann. Dies ist ein Raum der Freiheit, der aber nur so frei ist wie all diejenigen, die zu ihm beitragen. Meine Freiheit ist garantiert in der Freiheit der anderen und hängt von ihr ab.
Dies ist kein Glaube sondern eine rationale Schlußfolgerung und würde selbst dann noch gelten, falls die Natur rein deterministisch wäre. Da Denken wie Schreiben zwar auf der Basis natürlicher Prozesse stattfindet aber nicht auf der selben Ebene wie diese, sondern auf einer Metaebene, die duch die biologische Basis nicht determiniert wird.

Die naiven Klimmzüge der Neurologie und der Soziobiologie, der naive Glaube an die Menschmaschine ist nur die andere Seite des eben so naiven Glaubens an eine Seele.

Die Gläubigen der Soziobiologie werden jetzt anmerken, daß könne ja kein Mensch verstehen und deshalb die weitere Diskussion verweigern. Spökenkiekerei.

Den Gläubigen, seien es ChristInnen, BuddhistInnen oder SoziobiologInnen in aller Welt biete ich deshalb einen Kompromiß an - Euch den Himmel und uns die Erde! - da profitieren wir doch Alle.
Und die SoziobiologInnen dürfen sich meinetwegen auch im GROßEN COMPUTER abspeichern.






PS: Ach so und falls Ihr noch wissen wollt wie denn dann die Welt entstanden ist?

Ganz einfach, gar nicht. Sie war schon immer da.

Es gibt übrigens eine Herleitung des Begriffs Anarchie als ursprüngliche Bezeichnung (aus griechischer vorhomerischer Zeit) für Menschen, die weder an einen Anfang noch an eine Ende der Welt glaubten und deshalb als gottlos verfolgt wurden - zumindest ein netter Mythos -


PPS: Und was ist mit dem Sinn?

Das ist ja gerade die Freiheit, den bestimmst einzig und allein Du selbst.









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