Fetisch



Wichtige Menschen haben keine Zeit. Daran erkennt Ihr sie und daran, daß sie dauernd mit ihrem Handy telefonieren und schnell noch etwas absprechen müssen.
Damit meine ich nicht alleinerziehende Mütter.
Wichtige Menschen werden permanent angerufen. Und sie zeigen ihre Macht.
"Ruf bitte in 10 Minuten noch mal an."
Sie rufen selbst nicht an.

Ein zentraler Zweck von Technologien, die libidinös aufgeladen werden, Handys, Autos und Computer, die für Ihre BesitzerInnen Fetischcharakter haben, ist wohl die Zeitvernichtung. Dank Computer, Auto und Handy haben die Menschen heute so wenig Zeit wie noch nie. Alle werden immer wichtiger. Und die Technologien geben ihren BesitzerInnen ein Gefühl der Macht über Raum und Zeit.

Anstatt die Revolution zu machen fuhr Herr K. lieber die Kinder seiner Nachbarin tot. Das Auto ließ ihn für den Moment seine Ohnmachtgefühle vergessen.


Raum und Zeit werden diesen Technologien vollständig untergeordnet und hören auf außerhalb zu existieren. Darum können AutofahrerInnen keine 10 Schritte zu Fuß gehen, HandybesitzerInnen wissen ohne ihr Mobiltelefon nicht mehr wie spät es ist und was sie noch zu tun haben, und am Computer verdursten NutzerInnen ab und an, weil sie zu trinken vergessen.

Ihr glaubt das wieder nicht, dabei müßtet Ihr doch langsam Vertrauen zu mir haben.
Ich bin es doch, Ada.
Und ich habe gestern Nacht geträumt ich säße auf einem Handy und würde über das Meer fliegen, und dann war das Handy über mir und ich war das Meer und das Handy fiel.
Dann klingelte es und ich wachte schreckhaft auf, es war der Wecker. Aber im Traum war das Handy ohne jeden Zweifel ein Phallussymbol.
Auch ich bin also nicht frei von technomorphen Machtphantasien.
Ihr könnt also auch ruhig gestehen. Für vertrauliche Gespräche könnt Ihr auch die Gruppe anonymer HandyfetischistInnen ansprechen.
Manche nehmen halt den Begriff Telefonsex etwas wörtlich.

Im Sinne der Cyborgisierung, der Vermischung von Mensch und Maschine ist dies natürlich alles als revolutionäre Handlung, die das humanistische Subjekt durch diese Vermischung von Mensch und Maschine unterminiert, zu begrüßen.
Aber ich kann einfach nicht mit meinem Computer, und Auto oder Handy besitze ich nicht. Ich bin mal wieder zu altmodisch und träume lieber und nutze meine Hände.
Außerdem sind mir diese Machtspiele alle zu wieder. Als Anarchistin will ich halt auch herrschaftsfreie Sexualität. Und ob Michel Foucault glaubt, daß so etwas unmöglich ist, ist mir relativ egal. Der war eh nicht hübsch und Post Mortem bringt eine Beziehung auch nicht soviel Spaß und mit einem Mann, na ja.

Mann oder Handy?
Ich weiß auch nicht.

Andere Alternativen ziehe ich vor.


Ada - Hannover/Berlin, 2003 bis 2010 -


Fin











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Und noch einige Links zum Thema; Fetisch Handy - Links

























Zuletzt aktualisiert 30.07.18





Handy Fetisch. Text zur Funktion technischer Artefakte als Fetische der Moderne; Auto, Handy, Digicam, Computer, PC, Lust, Sexualität, Männlichkeit, Geschlechtsidentität, Weiblichkeit, Mann, Frau, Technik, Naturwissenschaft




















Fetisch Handy - Links

Zum Themenbereich der Fetischisierung des Handy im Massenkonsum finden sich im Netz diverse interessante Artikel:

- Fetisch Handy, Modernisierung und Massenkultur "Geschichte des Handys" http://www.eduteam.ch/sf-handy/page0/files/Geschichte-des-Handys.pdf, ein Text über die Entwicklung des Handys zum massenkulturellem Phänomen.

- "Ohne mein Handy fühle ich mich nackt", Harald Hordych, Süddeutsche Zeitung, 10.12.2003 http://www.mediensprache.net/archiv/pubs/2040.html, ein Text zum Handy als Fetisch der Jugendkultur und zur Handyabhängigkeit Jugendlicher.

Viele weitere Links zur Soziologie des Mobiltelefons findet Ihr auf der Netzseite "Sociology of the Mobile Phone" http://socio.ch/mobile/index_mobile.htm.