Ada Frankiewicz interviewt sich selbst zu Gott und ihrer virtuellen Existenz



Ada: Wieso interviewst Du Dich.
Frankiewicz: Um Dich besser kennenzulernen.
Ada: Du meinst, weil ein Interview ebensoviel über die Interviewte wie über die Interviewerin aussagt.
Frankiewicz: Nein weil Du ich bist.
Ada: Das wage ich zu bezweifeln. Nur weil wir den gleichen Namen habe, muß ..
Frankiewicz: Spinn nicht rum.
Ada: Es ist ganz schön anstrengend sich selbst als virtuelles ICH zu konzipieren.
Frankiewicz: Ja, laß uns erstmal Pause machen.
Pause
Pause
Pause
Pause
Schlaf
Pause
Pause
Pause
Pause
Ada: Schläfst Du noch?
Frankiewicz: Ha, Ha - Kommen wir zum Thema.
Ada: Du hältst nicht viel von Gott?
Frankiewicz: Wozu?
Ada: Und die Welt?
Frankiewicz: War schon immer da - das Aufteilen der Dinge, die Setzung von Anfang und Ende sind nur ein Hilfsmittel der Benennung.
Ada: Also die Welt ist Fluß in Fluß - bla - das habe ich auch schon zu oft gehört.
Frankiewicz: Ja.
Ada: Jeder Fluß hat eine Quelle.
Frankiewicz: Eine?
Ada: Also bin ich gegen die Religion?
Frankiewicz: Ansich ist Gott eine ganz witzige Idee. Aber nur wenn Du damit frei umgehst.
Ada: Was?
Frankiewicz: Na Du müßtest Dir die zeitgemäßen Mythen aneignen.
Ada: Mh?
Frankiewicz: Na ja früher glaubten die Menschen ihr Kind hätte einen Schutzengel heute glauben sie es hätte ein Imunsystem.
Ada: Aber ist das nicht ein Unterschied?
Frankiewicz: Doch, genau deshalb ist ja die Anbetung Gottes veraltet.
Ada: Was dann, die Anbetung des Imunsystems?
Frankiewicz: Das war nur ein Beispiel. Es geht um mehr - neue Religionen erfordern neue Formen und Wiederaufgriffe verschütteter Praxen.
Ada: Ich meine also die Naturwissenschaft insgesamt sind die Religion der Moderne.
Frankiewicz: Auch, aber ansich will ich auf eine Modernisierung von Formen, die die eigene Religiosität ernst nehmen, hinaus.
Ada: The holy Church of DNA.
Frankiewicz: Das ist zu simpel.
Ada: Was denke ich dann?
Frankiewicz: Ich denke eher an Hildegard von Bingen und die MystikerInnen und was das bezogen auf die Naturwissenschaften als zeitgenössische Religion bedeuten würde.
Ada: Ein mystisches Verhältnis zur Naturwissenschaft.
Frankiewicz: Ein Sichbesitzenlassen durch die Naturwissenschaften, eine Symbiose mit Naturwissenschaft und Technologie. Ich denke da an die Ideen Haraways.
Ada: Besessen vom Heiligen Geist der Naturwissenschaften.
Frankiewicz: Der Begriff Geist paßt hier nicht. Schließlich bezog sich der Begriff der Besessenheit bei den MystikerInnen auch auf ein konkretes reales Sein. Z.B. ist aus dem Mittelalter ein Fall bekannt, in dem eine Nonne eine andere Nonne Nachts aufsuchte, sich ihr beilegte und sie in den Zustand der Verzückung versetzt hat. Da sie zu diesem Zeitpunkt vom heiligen Geist besessen war, wurde dies als religiöser Akt begriffen. Der heilige Geist war eine Realität.
Ada: Insofern will ich auch heute zu einer realen Inbesitznahme durch die Naturwissenschaften kommen.
Frankiewicz: Und was wäre das?
Ada: Das sich Einzulassen auf das Eindringen von Technik, Chemie, Physik, Genetik in den eigenen Leib und die Psyche. Statt angstvoller Trennung muß ich die Verschmelzung suchen, sei es die Ergänzung von Organen durch technische Zusätze, das Fluten des Körpers durch Nanosonden, die Einnahme von Psychopharmaka oder die genetischen Veränderungen.
Frankiewicz: Mich Durchdringen zu lassen von Naturwissenschaft und Technologie, mich in ihr zu verströmen als Bewußtseinserweiterung, als Möglichkeit einer neuen Seinsweise.
Ada: Das bedeutet aber sich NaturwissenschaftlerInnen auszuliefern.
Frankiewicz: Nein. Die MystikerInnen haben die Deutungsmacht der Kirche untergraben, Naturwissenschaftsbesessene würden in ähnlicher Weise das Deutungsmonopol der naturwissenschaftlichen Staatskirche in Frage stellen. In dem ich mich Naturwissenschaft und Technologie hingebe, eigne ich sie mir auch subjektiv an. Ich realisiere die Naturwissenschaften und die Technologie als Wunschmaschine im Sinne Deleuze/Guattaris. Damit breche ich das Deutungsmonopol der NaturwissenschaftlerInnen, die als PriesterInnen nur DienerInnen der Naturwissenschaft sind, aus mir als Besessene spricht aber die Naturwissenschaft selbst, ich als Cyborg bin die Naturwissenschaft.
Die eigene Cyborgisierung als Wildwuchs.
Ada: Dazu müßte das Monopol der Ärzteschaft auf Operationen und die Verbreitung chemischer Substanzen fallen.
Frankiewicz: Nicht nur das. Auch das Monopol der Kontrolle von PhysikerInnen und IngenieurInnen über radioaktive Substanzen und das Monopol von BiologInnen auf die Kontrolle genetisch veränderter Stoffe müßte fallen. Alle müßten Zugriff bekommen.
Ada: Gefährlich ist die Macht in den Händen weniger.
Pause
Pause
Trinken einer Tasse Schokolade
Pause
Pause
Frankiewicz: Aber ich tue das alles nicht.
Ada: Ja ich sitze hier und trinke nur eine heiße Schokolade - ich habe einfach keine Lust zum Cyborgisieren. Lieber schlafe ich etwas länger.
Frankiewicz: Ich will auch mein Bewußtsein nicht erweitern.
Ada: Und meine Organe blubbern zwar etwas, aber ich finde ich bin ihnen Solidarität schuldig.
Frankiewicz: Außerdem ist mir das Durchdringen zu phallisch konnotiert.
Ada: Auch meine Seinsweise will ich nicht ändern.
Frankiewicz: Trotzkopf.
Ada: Trotzkopf.

Ada: Ich danke mir für das Interview.
Frankiewicz: Bitte - auf bald.


Ada


Fin











Impressum:


Und noch ein kurzer Text; NeoReligionen - Religion in der Moderne

























Zuletzt aktualisiert 30.05.10



Religion, Moderne. Interview zu Naturwissenschaft als Religion der Moderne und zu den Besessenen durch den naturwissenschaftlichen Geist, den Cyborgs - zu den Themen: Cyborg, Gott, Naturwissenschaften, Kirche, Soziobiologie, Donna Haraway, Glaube, Gen, Genom, Gene










NeoReligionen - Religion in der Moderne

Ein zentrales Konstruktionsprinzip autoritärer Ideologien, und dies trifft für den Nationalismus in der gleichen Weise zu wie für Religionen und religiösen Fundamentalismus, ist der Verweis auf eine immer währende mindestens 1000 jährige Geschichte. Mit der Realität hat dies nichts zu tun.

Einen Begriff des Nationalstaates gibt es erst seit wenigen Jahrhunderten, Nationalstaaten existierten vorher nicht, auch nicht im Ansatz und nicht im Selbstverständnis der Menschen. Dies ist inzwischen immerhin einer kleinen aber wachsenden Gruppe kritischer Menschen klar, obwohl teilweise der Eindruck ensteht, diese Realität würde wieder verdrängt, und, daß z.B. in öffentlich rechtlichen TV-Dokumentationen das Niveau inzwischen eher wieder dem nationalsozialistischen Ideologiekonstrukten angeglichen wird.

Für die Auseinandersetzung mit Religionen in der Moderne ist aber das kritische intellektuelle Niveau noch niedriger, in der Regel werden diese Religionen, der 'Glauben', nicht als historisch sich verändernde soziale Konstrukte begriffen, sondern die religiösen Moden der Zeit werden zum Ausdruck einer ewig existierenden Gottessuche verklärt. Damit wird durch den öffentlichen Diskurs insbesondere die mythologische Selbstkonstruktion von religiös fundamentalistischen SchlächterInnen und AufklärungsfeindInnen gestützt.
Die Legenden islamistischer FundamentalistInnen haben mit der geschichtlichen Realität in etwa soviel gemein wie der Germanenkult der Nazis, ähnliches gilt für protestantische KreationistInnen (Die außerdem Gott der Logik unterordnen, ansonsten müßte die Schöpfung nicht bewiesen werden. Und die damit Wissenschaft und Religion postmodern mischen.) usw..
Diese religiösen Erweckungsbewegungen der Moderne sind spezifischer Ausdruck der Moderne und bewegen sich auch vollständig in der Logik der Moderne.

Der islamische Fundamentalismus ist z.B. ohne die Globalisierung nicht vorstellbar, er ist direkter Effekt und nutzt die Möglichkeiten der Globalisierung. Ähnlich wie neue Formen privatmilitärischer Machtanhäufung (Warlords / private Sicherheitsdienste) beruht der islamische Fundamentalismus auf der Zerstörung traditioneller Sozialstrukturen und ihren Ersatz durch autoritäre personenfixierte Machtstrukturen. Islamische FundamentalistInnen benutzen Massenmord, Vergewaltigung und Folter vor allem zur Durchsetzung brutaler Machtaneignungen gegen die bestehende Nomenklatura und traditionelle Normen. Die meiste Gewalt richtet sich dabei nach Innen (Beispiel Algerien, Iran, Afgahnistan, usw.). Diese modernen neoreligiösen Zusammenhänge sind insofern Teil einer neoliberalen Modernisierung der islamischen Gesellschaften, vergleichbar der autoritären Modernisierung im Nationalsozialismus, sie greifen durchaus postmodern verschiedene Elemente aus anderen Kulturen auf.

Ein nichtlinearer Zusammenhang von Protestantismus, Islamismus und Globalisierung liegt z.B. dem Sexismus von RAP-Texten in Deutschland zu Grunde. Die Diskussionen um Schwulenfeindlichkeit und Sexismus in RAP-Texten von männlichen Musikern mit Migrationshintergrund blendet aber diesen Zusammenhang in der Regel aus.
Wesentliche Einflüsse des RAP liegen in Jamaica. Die Musikkultur ist dort extrem homophob und sexistisch, der Grund dafür liegt im protestantischen Fundamentalismus, der aus den USA importiert, auf der Insel weit verbreitet ist, und, die Liedtexte reproduzieren zum Teil wörtlich die homophoben und sexistischen Reden fundamentalistischer protestantischer christlicher Prediger aus den USA.
In Deutschland übernehmen dies dann Musiker mit Migrationshintergrund und verknüpfen dies mit islamistischer Ideologie. Verlegt wird diese Musik dann in der Bundesrepublik Deutschland zumindest zum Teil von Bertelsmann einem früher protestantischen Verlag.

Der Islamismus ist ein postmodernes Produkt der Globalisierung. Auch in Ländern wie Somalia oder Afghanistan leben die Menschen nicht wie vor 100 Jahren. Gerade durch diese Länder läuft die Front der Globalisierung, z.B. der globalisierten Warenströme von Drogen und Waffen.

Für den fundamentalistischen Protestantismus ließe sich ähnliches zeigen (Stichworte: TV-Prediger, Kirchen als Konsumtempel, usw.).









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